Cannes-Premiere: ÖDLAND Der Keller

Autorin und Youtuberin Nicky Fee begleitete mich während der glanzvollen Premiere des ersten ÖDLAND-Films auf den Filmfestspielen in Cannes. Hier ihr Bericht:

Wie Ihr Euch vermutlich bereits gedacht habt, handelt es sich natürlich um eine fiktive Filmpremiere. Ich hoffe Ihr verzeiht mir die Clickbait-Überschrift, ich konnte nicht widerstehen. ÖDLAND spielt leider nicht die Hauptrolle in dieser Short Story von Nicky Fee, aber immerhin eine wichtige Nebenrolle, genau wie ich selbst, renommierter (hust) Autorenfilmer Christoph Zachariae. Beim Lesen habe ich doch das eine oder andere Mal schmunzeln müssen und gedacht: „Wär doch eigentlich ganz schön, so ein ÖDLAND-Film.“ Ich jedenfalls würde mir ÖDLAND Der Keller sofort ansehen. Düstere Endzeit mit tragischer Liebesgeschichte. Genau mein Ding.

Glücklicherweise müssen wir uns hier und heute nicht mit der Frage auseinandersetzen, warum es ganz sicher nie eine ÖDLAND-Premiere in Cannes geben wird, sondern können einfach mal so tun, als wäre der Traum wahr geworden. Wer mag, kann etwas im fiktionalen ÖDLAND-Glamour schwelgen mit schicken Anzügen, tollen Abendkleidern und einer gefeierten Buchverfilmung.

Nickys Kurzgeschichte ist eine Romanze in bester Notting Hill-Tradition. Fangirl Nicky läuft ihrem „heimlichen“ Schwarm Jay Hagson (Name des Schauspielers wurde geändert, Anm. d. Bloggers), einem britischen Schauspieler, während der Filmfestspiele in Cannes über den Weg und weiß nicht so recht wohin mit ihrem Glück, denn der nette Gentleman verguckt sich (natürlich) sofort in sie.

Man muss die Kurzgeschichte nicht gelesen haben, um ÖDLAND IV Viktoriastadt verstehen zu können. Es handelt sich weder um ein Pre- oder Sequel, noch um ein Spin-off, aber wer sich eine ÖDLAND-Verfilmung vorstellen kann, kommt in Nickys Gedankenspiel voll auf seine Kosten, deshalb wollte ich Euch Cannes mit freundlicher Genehmigung der Autorin nicht vorenthalten.

Genug der Vorrede. Vorhang auf und Bühne frei für Nicky Fees:

 

Cannes

  1. Tag

Christoph hatte sich breitschlagen lassen, mich als seine Begleitperson für die Filmfestspiele in Cannes einzutragen. Das war nicht so schwer gewesen, wie ich erwartet hätte, da wir schon mehrfach zusammengearbeitet hatten, nur eben nicht, was Filme anging sondern im Literaturbereich. Seine Bücher gefielen mir und auch persönlich hatten wir uns zweimal getroffen. In der Verfilmung von Ödland I hatte ich eine Moorleiche spielen dürfen – das war alles. Doch ich kann sehr überzeugend sein, wenn ich etwas möchte und nach Cannes zu fahren war mein Herzenswunsch – wusste ich doch, dass Jay Hagson auch dort sein würde. Seit ich den britischen Schauspieler in der Rolle des Spyron gesehen hatte, zog es mich immer weiter zu ihm. Ich hatte sogar einen Pappaufsteller in meinem Schlafzimmer stehen, der mich beim Schlafen beobachtete.

Wann sah man denn schon mal einen Hollywood-Star von Nahem, wenn man nur eine Köchin wie ich war? Gut, ich hatte noch einen recht unbekannten Youtube-Buchkanal, wobei mich der Umstand, dass nur wenige Zuschauer ihn verfolgten, mich nicht störte. Tatsache war, dass es meine einzige Chance war, meinem Lieblingsschauspieler zu begegnen. Vielleicht hatte ich Glück und konnte ein Foto von ihm machen. Oder noch besser, eins von ihm und mir. Ihn einfach nur aus der Entfernung zu sehen würde mir schon reichen, damit ich den Anblick für immer in mein Herz schließen konnte.

Mit Christophs Auto fuhren wir die wenigen Stunden bis Frankreich, wo ich, nebenbei erwähnt, nie zuvor war und wahrscheinlich auch nie wieder sein würde. Doch blieb mein Blick auf mein eigentliches Ziel gerichtet und fand kaum Zeit für die Landschaft, die Sehenswürdigkeiten, die an uns vorbei zogen. Ich reiste nur wegen Jay dorthin. Die Filme und alles drumherum interessierte mich nur am Rande bis gar nicht. Natürlich wollte ich auch den fertigen Ödland-Streifen sehen. Mich als Leiche. Megas Reise mit all ihren Strapazen. Doch das war auch einer der beiden einzigen Filme, die ich mir dort anschauen wollte. Christoph reichte mir im Laufe der Fahrt ein Programmheft, das ich nur sporadisch durchblätterte, als wir an einer Raststätte halt machten. In einem der Filme, ein Independent-Film von Sophia Coppola, würde Jay Hagson eine Nebenrolle als Bodyguard spielen, die er der Regisseurin zuliebe angenommen hatte. Den würden wir uns gemeinsam ansehen. Chris, weil er sich für Filme interessierte – ich, weil ich mich für Jay interessierte.

Würde ich ihn nur ein paar Sekunden in echt sehen, wäre ich für den Rest meines Lebens zufrieden. Wir checkten in einem der Hotels ein, die für die Filmleute vorgesehen waren. Als ich mich umschaute, hielt ich es für unwahrscheinlich, dass Jay sich ebenfalls hier aufhielt. Für die großen Stars gab es sicher schönere Absteigen – was nicht heißen sollte, dass unser Hotel hässlich war. Eher Zweckmäßig.

Wir hatten getrennte Zimmer, die nebeneinander lagen und verabredeten uns für später zum Abendessen im Hotelrestaurant und einen alkoholfreien Drink an der Bar. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, schaltete ich auf dem Fernseher in meinem Zimmer einen Musikkanal ein und zog erneut das Programmheft zu Rate, um zu sehen, wann ich die beste Chance haben würde, Jay zu begegnen. Die Festspiele sollten morgen eröffnet werden, der Film mit ihm in der Nebenrolle lief um 22 Uhr. Wenn ich Glück hatte, würde ich ihn bei der Feier vorher zu Gesicht bekommen. Ich nahm mir vor, meine Kamera in die Tasche zu packen.

Es war früher Abend, als ich, immer noch in meiner gewohnten legeren Kleidung, in die Lobby trat und ins Restaurant neben der Rezeption kam.

Christoph hatte sich einen hellgraues Jackett über das weiße Hemd gezogen. Es betonte seine Haarfarbe perfekt. Er sah mich belustigt an, auch wenn ich nicht wusste, warum. Während des Essens lachten wir viel – ich mochte sein Lachen. Auch erzählte er mir etwas über die Filme, die beim Fest laufen würden und welche er sich ansehen wollte. Wir aßen Schollenfilet mit gedünstetem Gemüse und Salat, und Chris fragte mich, warum ich kein Abendkleid angezogen hatte, immerhin waren wir umgeben von Filmmenschen in schicken Anzügen und elegant gekleideten Damen. Ein Blick zu den Tischen um uns herum bestätigte seine Aussage. Ich erklärte ihm, dass er mir hätte sagen müssen, wenn er einen bestimmten Dresscode von mir erwartet hatte. Er warf theatralisch die Arme nach oben.

„Das hab ich dir im Auto mindestens zehnmal gesagt!“

Ich winkte ab. Jetzt war es sowieso zu spät. Nachdem die Teller abgeräumt wurden, bestellte ich noch Schokoravioli mit Vanilleeis. Ich hatte diese in einem italienischen Restaurant bei mir zu Hause entdeckt und war süchtig danach. Gab es irgendwo welche, musste ich sie einfach probieren. Dieses verlockende Angebot auszuschlagen, obwohl es mich auf der Speisekarte förmlich zu sich gezogen hatte, wäre zu viel für mich gewesen. Ein paar Minuten später kaute ich auf dem gummiartigen Nachtisch herum und bereute die Idee. Die Ravioli schmeckten nicht so gut wie die bei meinem Stammitaliener. Trotzdem aß ich zügig alles auf, denn ich freute mich auf den Cocktail, den Christoph mir versprochen hatte auszugeben.

Die Bar war in einer Art Hinterzimmer des Restaurants. Ein paar Filmleute starrten uns an, als mein Begleiter mich in meiner Alltagskluft elegant am Arm nach nebenan führte. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Wie es wohl aussah, wenn er mich so am Arm hielt? Er mit den bereits ergrauten Haaren und ich mit dem völlig alterungsresistenten Gesicht? Egal was ich tat, ich sah nie älter aus als zwanzig, obwohl ich 27 war. Als würde ich mit einem älteren reicheren Mann aufgrund seines Geldes zusammen sein. Oder als wäre er mein Onkel. Mein Vater. Mein Manager. Hier war alles möglich, oder?

Die Bar lag im Halbdunkel und bisher war nur ein einziger anderer Gast anwesend. Ebenfalls ein Herr im Anzug, mit dem Rücken zu uns sitzend vor einem Glas Bier, wie mir schien. Es war ja auch erst früher Abend und die Bar würde sich sicher später füllen.

Ich setzte mich links neben Christoph auf einen Hocker und damit möglichst weit weg von dem anderen Gast, weil ich Leute nicht möchte, die zu viel Alkohol tranken. Ich wusste ja nicht, wie viel der Kerl dort schon intus hatte. Der Barkeeper steckte uns jeweils eine Cocktailkarte zu und ich entschied mich schnell für den Big Apple, da ich ihn auch Zuhause oft getrunken hatte. Mir gefiel die Balance zwischen Apfelsaft und dem Schuss Minze. Chris bestellte sich ein Bier, weil er der Meinung war, die Cocktails wären ihm zu süß.

„Das sagst du doch nur, weil ich schon süß genug bin. Noch ein Cocktail und bekommst einen Zuckerschock.“, zog ich ihn auf.

„Hättest du das Kleid angezogen, würde das vielleicht sogar stimmen.“ „Ach Mensch, jetzt vergiss doch mal das blöde Kleid.“

Ich grummelte vor mich hin, leicht sauer auf mich selbst, weil ich im Auto nicht zugehört hatte, während Christoph mir den Ablauf des morgigen Tages erklärte. Auch Interviewtermine, die wir zusammen wahrnehmen könnten, wenn ich Lust dazu hätte. Ich legte mich noch nicht fest, wollte eine Nacht darüber schlafen und beim Frühstück bescheidgeben.

Als sich Chris nach hinten beugte, um sich auszustrecken, nippte ich gerade an meinem Strohhalm und erstickte fast, als ich sah, dass Jay der „andere Gast“ war, dem ich fälschlicherweise Alkoholsucht vorgeworfen hatte. Mein Begleiter klopfte mir auf den Rücken, um meine Lunge vom Apfelsaft zu befreien.

„Das … Jay…“, röchelte ich und starrte an Christoph vorbei, mich gleichzeitig kleiner zu machen versuchend.

„Ja …. Jay? Welcher Jay?“

Ziemlich auffällig drehte er sich nach links und sah zu dem Schauspieler hinüber. Ich wollte Christoph gerade gegen die Schulter boxen, damit wir keine Aufmerksamkeit auf uns zogen, da drehte er sich glücklicherweise bereits zurück.

„Muss ich den kennen?“ „Spyron? Aus den Undercover Exit-Filmen?“

Ich verdrehte die Augen.

„Was, das ist der? Ich kenn den nur mit langen Haaren. Das ist Jay Hagson, auf den du so abfährst? Was macht der denn hier?“

„Bier trinken“, stellte ich trocken fest, „und ich fahre nicht auf ihn ab. Wie kommst du denn darauf?“

Der Kandidat erhält 100 Punkte.

„Du hast deine Facebookseite mit Bildern von ihm vollgespamt.“, erinnerte er mich. Autsch.

„Du alter Stalker.“

Noch immer starrte ich über Christophs Schulter zum Objekt meiner nicht ganz so geheimen Begierde. Verdammt, sah der heute Abend gut aus.

„Na los, geh doch mal rüber und sprich ihn an.“, schlug er vor.

„Geht’s dir noch gut? Was soll ich ihm denn sagen?“, gab ich zurück.

„Keine Ahnung, aber du bekommst langsam Stielaugen und ich glaube nicht, dass ein Jay Hagson hier lange unbelagert sitzen wird. Komm, wir gehen mal hin und sagen Hallo.“

Ich hätte alles gegeben, sogar meine Mutter verkauft, um Christoph davon abzuhalten, doch er schnappte sich einfach mein Glas, stand auf und setzte sich auf den Stuhl neben Jay, der ihn sofort freundlich anlächelte.

„Hi! Äh, ich bin Christoph Zachariae und morgen feiert der erste Teil meiner Filmreihe Ödland hier Premiere. Und das ist Nicky Fee, meine … Assistentin.“

„Ich hab eine Leiche gespielt.“

Stammelte ich perplex. Kaum war ich fähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen, als ich mich zu den Männern gesellte. Jay schaute mich an, von oben bis unten und wieder zurück in meine Augen. Ob ihm meine stylische schwarz-orangene Brille gefiel? Oder die flotte Jeans? Ich verfluchte mich innerlich, dass ich nicht doch das violette Abendkleid angezogen hatte, das zu meinen kurzen roten Haaren gepasst hätte.

„Und sie ist meine Assistentin.“, beharrte Chris, als Jay Hagson sich daran machte, unsere Hände zu schütteln.

Um Gottes Willen. Das war seine Hand in meiner. Niemals. Never ever. Und doch, ich befürchtete, der Moment war echt. Seine feingliedrigen Finger fühlten sich weich und zerbrechlich an.

„Ich werde mir den Film mit Sicherheit ansehen.“, sagte Jay.

Mit Sicherheit hieß bestimmt, dass er diesen Satz zu allen Leuten sagte, die sich an der Bar zu ihm setzten und sagten, dass sie einen Film gemacht hatten. Was als höfliche Aussage gedacht war, hinterließ bei mir einen bitteren Geschmack, den ich mit einem Zug an meinem Drink hinterzuspülen versuchte – der sich noch immer in Chris‘ Hand befand.

„Meine Kamera liegt noch im Koffer.“, sagte ich atemlos und am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Christoph stand blitzschnell auf und bat mich um meinen Zimmerschlüssel.

„Wofür das denn?“

Mein Gehirn hatte den Geist bereits vor zwei Minuten aufgegeben. Finito.

„Ich geh kurz rauf und hole deine Kamera, Nicky.“, erklärte er mir langsam, als wäre ich ein kleines Kind, „und unser Jay hier passt in der Zwischenzeit schön auf dich auf. Wenn du lieb bist, gibt er dir sicher noch einen Cocktail aus.“

Woraufhin der Schauspieler nickte und Chris mit einem Augenzwinkern und meinem Zimmerschlüssel in der Hand verschwand. Na super. Nicky allein mit dem Spion. Ich setzte mich auf den von Christoph vorgewärmten Stuhl, bevor ich noch umkippen konnte.

„Und … du hast also eine Leiche gespielt?“,

fragte mich Jay mit blitzenden Augen. Ich zog an meinem Strohhalm und wünschte mir, ich hätte Alkohol im Glas, obwohl ich nie welchen trank. Ob ich an diesem Abend noch mein Englisch wiederfinden würde, wagte ich zu bezweifeln. Doch versuchen konnte ich es ja mal.

„Ja, eine matschige Moorleiche, ohne Text. Spannend, ich weiß. Und du hast also einen Immobilienmakler gespielt?“

Verdammt, warum musste ich ausgerechnet jetzt mit meinem Halbwissen glänzen? Am Ende hielt er mich noch für das Fangirl, das ich tatsächlich war.

„Wow, du hast Huminate gesehen? Das ist selten. Die meisten Leute kennen mich nur aus Undercover Exit.“

„Ja, ich steh auf so Independent-Filme, die nicht unbedingt bekannt sind. Alles abseits vom Mainstream.“ Das war eine glatte Lüge. Bravo.

„Und, was machst du den ganzen Tag als Assistentin des Regisseurs?“

„Oh, Chris ist auch Kameramann und Autor und Drehbuchautor. Alles mögliche. Eigentlich hat er übertrieben, ich arbeite nicht beim Film. Er hat jemanden gesucht, der mit ihm hierher fährt und ich habe gerade Urlaub. Von daher …“, erklärte ich vage.

Die. Untertreibung. Des. Jahrhunderts. Und noch mehr Lügen.

„Verstehe. Aber du hast wirklich eine Moorleiche gespielt?“

„Eine Moorleiche. Matschig und schmutzig, ganze drei Sekunden Screenzeit in Nahaufnahme.“, lachte ich.

„Klingt sexy.“, er stimmte in mein Lachen ein.

Okay, jetzt konnte ich in aller Ruhe sterben. Ich hatte Jay Hagson zum Lachen gebracht. Und wo blieb Christoph mit der Kamera? Unsere Zimmer lagen im ersten Stock, meine Kamera gut sichtbar auf meinem Bett und überhaupt müsste er längst zurück sein. Hoffentlich wurde die Bar nicht gleich überrannt. Langsam konnte ich es genießen, hier zu sitzen.

„Warum bist du hier in der Bar? Hast du auch ein Zimmer im Hotel?“, wollte ich wissen, weil Chris mich neugierig gemacht hatte.

Jay lächelte mich schräg an, bedachte mich mit einem belustigten Seitenblick. Oh, oh. Ein bisschen klang es schon, als würde ich ihn abschleppen wollen.

„Mein Zimmer ist woanders, aber die Drinks in diesem Hotel sind besser als in meinem. Ich war schon mehrfach hier und konnte es testen. Nebenbei, was willst du trinken?“

Er deutete auf mein Glas, das ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, mittlerweile ausgetrunken hatte. Meine Lippen lagen immer noch verführerisch am Strohhalm. Ich hatte mich praktisch daran geklammert, während wir uns unterhielten. Als Jay den Barkeeper auf unsere leeren Gläser aufmerksam machte, ließ ich mir erneut die Cocktail-Karte geben und überflog die alkoholfreien mit dem Finger. Es fiel mir schwer, die Buchstaben auseinanderzuhalten.

„Du trinkst ohne Alkohol? Warum das denn?“, fragte er, mich bei meiner Suche beobachtend.

„Weil ich keinen Alkohol brauche, um Spaß zu haben.“, antwortete ich automatisch, wie ich es immer tat, wenn ich danach gefragt wurde.

Schließlich bestellte ich einen Virgin Pina Colada, Jay schloss sich mit einem Fingerzeig an.

„Du kannst ruhig noch ein Bier trinken, das stört mich gar nicht.“

„Ich bevorzuge das deutsche Bier. In Frankreich schmeckt es fad.“, erklärte er.

„Und ich bevorzuge dich mit schwarzen Haaren.“

Hatte ich das wirklich laut gesagt? Verdammt nochmal.

„Also doch ein Spyron-Fan.“

Wieder dieses Grinsen, vermischt mit einer Spur Traurigkeit. Es war beinahe eine Beleidigung, die ich ihm an den Kopf geworfen hatte. Ich hatte zugegeben, dass mir sein reales Ich weniger gut gefiel als seine Filmrolle. Mein Herz klopfte ob dieser Erkenntnis und der Gewissheit, dass er mich dank dieser Aussage niemals mögen würde. Ich hatte den Unterschied zwischen Schauspieler und Mensch dahinter nicht verstanden. Wie konnte ich das jetzt noch retten? Er sah doch gut aus in diesem schwarzen Anzug mit den blauen Knöpfen und seinen Naturhaaren, hellbraun wie geröstete Haselnüsse. Der Dreitagebart um seine schmalen Lippen. Die moosgrünen Augen. Ein paar mehr Falten mehr als auf Fotos – völlig normal. Real. Vor mir auf einem Barhocker in Cannes.

„Aber an die braunen kurzen Haare könnte ich mich auch gewöhnen.“, schloss ich schwach und beendete meinen Augenkontakt mit ihm.

Mir fiel absolut nichts ein, über das ich mit meinem Lieblingsschauspieler reden konnte. Um über seine Arbeit zu reden, kannte ich mich zu wenig in der Filmindustrie aus. Worüber redete ich normalerweise, wenn ich in Deutschland jemanden frisch kennenlernte? Musik, Essen … Bücher.

„Liest du gern?“

„Ja, tue ich. Sehr gern sogar, nur komme ich in letzter Zeit kaum dazu, ein Buch in die Hand zu nehmen. Zu viele Termine, du verstehst schon. Wenn ich frei habe, verbringe ich die Zeit lieber mit meinen anderen Hobbys.“

„Kannst du dich noch daran erinnern, welches Buch du zuletzt gelesen hast?“, so schnell wollte ich nicht aufgeben.

„Ich glaube, das war The Grain of Truth von Nina Bawden.“, sagte er mit gerunzelter Stirn.

„Hat es dir nicht gefallen?“

„Doch, aber ich habe es nie zu Ende gelesen, glaube ich.“

„Ich kenne es nicht. Ist das eine britische Autorin?“

„Ja, und das Buch ist schon älter. Aus den sechzigern. Es wundert mich nicht, dass du es nicht kennst.“

„Ich lese sehr gern ältere Bücher, aber ich hab’s nicht so mit britischer Literatur.“, erklärte ich.

Um ehrlich zu sein hatte ich es auch allgemein nicht so mit den Briten. Der Akzent war mir zu hochtrabend, das Essen merkwürdig und die Literatur…

„Na, kommt ihr klar?“, rief Christoph hinter mir und klopfte mit der Hand auf meine Schulter.

Ich wäre beinahe gestorben vor Schreck über sein Erscheinen. Hatte ich mich eben noch gewundert, wo er blieb, führte die Unterhaltung mit Jay dazu, dass ich meinen Begleiter beinahe vergessen hätte. Chris grinste mich strahlend an, meine kleine alte Digitalkamera in den Händen haltend.

„Warum hat das so lange gedauert?“, fragte ich ihn.

„Ich musste mich erst durch deine ganzen Abendkleider wühlen.“, sagte er.

„Willst du mich verarschen?! Ich hab doch nur eins mit!“, gab ich pikiert zurück.

„Ich versuch dir gerade den Arsch zu retten“, sagte er auf deutsch, „und dachte, du würdest gern kurz mit ihm allein sein.“

„Was ist mit ihrem Arsch?“, fragte Jay. Ich lachte auf.

„Gar nichts, vergiss es.“

„Na los, machen wir das Foto.“, schlug Christoph vor und hielt meine Kamera nach oben.

Ich rutschte vom Stuhl und stellte mich neben Jay, der mir kurzerhand den Arm um die Schulter legte. Ich konnte es nicht fassen, als er dann noch sein Gesicht an meine Schläfe schmiegte. Fotos, die mit Blitzlicht aufgenommen wurden, sahen meist schrecklich aus, aber für eine normale Aufnahme war es zu dunkel in der Bar. Christoph drückte dreimal ab, damit nichts schiefgehen konnte. Nachdem Jay mich freigelassen hatte, betraten mehrere Personen die Bar, zwei Männer und eine Frau im Abendkleid, was mich nochmals schmerzlich daran erinnerte, wie underdressed ich hier stand.

Natürlich erkannten sie auch Jay Hagson nach ein paar Sekunden und gestellten sich zu uns. Jeder wollte ein Stück vom Weltstar. Autogramme, Fotos, ein kurzes Gespräch, wie Christoph es mir ermöglicht hatte.

Ich entschuldigte mich, um auf die Toilette zu gehen und dem Gewusel zu entkommen. Als ich zurückkam, saßen noch mehr Leute um Jay herum, zu viele Leute, um sich weiter mit mit ihm zu unterhalten. Auch Christoph war zur Seite gedrängt worden. Er stand da mit meinem Cocktail in der Hand, dem selben, den auch mein Zielobjekt gerade trank, und deutete Richtung Ausgang. Ich nickte, kam zu ihm, um mein Glas auszutrinken. Melancholie machte sich in mir breit. Ein bekanntes Gefühl. Ein alter Freund.

Wir beschlossen, uns ins Bett zu begeben nach der langen Fahrt und dem anstehenden anstrengenden Tag morgen. Von meiner Seite gab es keine Einwände. Mehr Blitzlichter zeigten mir, dass auch die anderen Leute meinen Plan umsetzten. Ich sah zu der Traube, die sich um Jay Hagson gebildet hatte, als einer der schick gekleideten Heeren zur Seite trat und das Objekt meiner Begierde meinen Blick auffing. Er stand auf.

„Nicky, einen Augenblick, okay?“

Damit schob er sich durch die Menge und reichte mir die Hand, danach noch Christoph. Doch mir legte er zusätzlich eine Visitenkarte in die Hand. Es erinnerte mich an die Stelle in Titanic, wo Jack Rose den Zettel gab, um sich später an der Uhr mit ihr zu treffen. Wie romantisch.

„Wir sehen uns noch.“, versprach er mir und ging zurück an die Bar.

Jetzt hatte ich also nicht nur drei Bilder mit Jay sondern auch die Visitenkarte seiner Agentur. Vielleicht konnte ich im nächsten Undercover Exit-Film auch eine Moorleiche spielen. Als ob mir das wichtig gewesen wäre. Als ob ich an einer Schauspielkarriere interessiert wäre. Als ob ich das kleine Fangirl wäre, das ich wirklich war.

Christoph und ich liefen nebeneinander die Treppe in den ersten Stock hinauf.

„Und, hats dir gefallen?“, fragte er mich.

„Das war total abgefahren. Und merkwürdig. Und aufregend. Ich weiß nicht, ob meine Pumpe das nochmal mitmachen würde.“

„Weißt du, er hat sich vorhin meinen Kuli ausgeliehen…“, erzählte Chris mir.

Schnell zog ich die Visitenkarte wieder aus meiner Jeanstasche und drehte sie um. Tatsächlich, dort stand eine Handynummer. Oh. Mein. Gott.

„Oh mein Gott! Chris, was mach ich denn jetzt damit?!“, rief ich hysterisch.

„Anrufen, sms schicken, nicht an die Presse weitergeben.“, zählte er trocken auf.

„Ich kann ihn doch nicht einfach anrufen, was soll ich denn da bitte sagen?“

Das war ja noch schlimmer, als persönlich mit ihm zu reden während er vor mir saß.

„An der Bar hast du doch auch mit ihm geredet. Das geht schon. Mach es einfach, sonst liegst du mir die ganze Woche damit in den Ohren.“

„Oh mein Gott, du hast recht.“

Ich kam gar nicht darauf klar, dass ich so viel Glück haben konnte. Vor meinem Zimmer verabschiedeten wir uns mit einer Umarmung und verabredeten uns zum Frühstück. Ich schloss die Tür hinter mir und setzte mich aufs Bett. Das war zu viel für mich. Zu viel Glück. Zu viele gute Zufälle. Und dann noch seine Nummer, die ich mir sofort ins Handy speicherte. Nur unter seinen Vornamen natürlich. Nicht, dass doch mal irgendetwas schlimmes passierte. Datenklau. Fangirls, die mein Handy wegschnappten. Irgendwas.

Ich stelle mir den Wecker eine Stunde später, ging ins Bad und machte mich bettfertig, um anschließend die restliche Dreiviertelstunde mit offenen Augen auf der Decke zu liegen. Hätte ich ihm sofort geschrieben, wäre es mir zu aufdringlich vorgekommen. Also tat ich lieber so, als hätte ich die Nummer auf der Karte erst später entdeckt. Der Wecker vibrierte. Dann erst schickte ich Jay eine sms, in der ich mich für den angenehmen Abend bedankte.

Wahrscheinlich wurde er noch immer von den Leuten an der Bar eingenommen, denn er antwortete nicht, bis ich eingeschlafen war. Wäre ja auch zu schön gewesen.

 

  1. Tag

Ich erwachte mit heftig klopfendem Herzen, der tiefen Erinnerung an meine Begegnung mit Jay. Nur schwer konnte ich mich beruhigen. Das war kein Traum gewesen. Das ist wirklich mir passiert.

Dann fiel mir mein Handy ein. Es war gerade mal kurz nach sechs, wie ich sah. Und es war keine Antwort gekommen, die ganze Nacht lang nicht. Ich atmete tief durch und versuchte, meine Enttäuschung hinunterzuschlucken. Schlaf wollte sich nicht mehr einstellen, also schnappte ich mir meine aktuelle Lektüre und las, bis es Zeit wurde, sich anzuziehen.

Ich vermutete, dass ich zum Frühstück kein Abendkleid tragen musste und entschied mich für eine schwarze Stoffhose und meine Lieblingsbluse. Es war mir sowieso ziemlich egal wie ich aussah. Missmutig ging ich die Treppe hinunter und diesmal auf der anderen Seite von der Rezeption aus in den Frühstücksraum, wo ich Christoph nahe des Eingangs fand. Theatralisch ließ ich mich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen.

„Frag. Lieber. Nicht.“

„Hast du ihn schon flachgelegt?“, erkundigte er sich trotzdem schelmisch grinsend.

„Ich hab keine Antwort bekommen.“, gab ich zurück.

„Was hast du denn geschrieben, das er nicht beantwortet hat?“

„Nichts schlimmes“, winkte ich ab, „nur, dass es ein schöner Abend war. Mehr nicht.“

„Viel zu langweilig. Du musst was spannendes schreiben, richtig rangehen.“, erklärte er mir, „Na, du hast ja noch bei der Premiere des Film Gelegenheit, ihn zu sehen.“

„Was würdest du an meiner Stelle tun?“

„Ich würde alles nehmen, was ich kriegen kann. Noch eine Chance bekommst du sicher nicht so schnell wieder. Also würd ich versuchen, ihn wenigstens flachzulegen.“

„Du kannst es gern bei Jay versuchen, wenn du möchtest.“, erwiderte ich grinsend.

Chris nannte mir nochmals seinen Tagesplan. Da ich nichts anderes mit mir anzufangen wusste, um die Zeit bis heute Abend zu überbrücken, begleitete ich ihn zu seinen Terminen. Interviews, Fotos und so. Natürlich blieb ich hinter der Kamera, hinter den Reportern. Warum hätte ich mich auch in den Mittelpunkt rücken sollen? Meine Rolle in Ödland war klein und ich hatte kein Interesse daran, im Showgeschäft einzusteigen. Es war nicht meine Art, im Rampenlicht zu stehen. Am Rande fühlte ich mich wohler.

Während des Empfangs, der vor der Premiere stattfand, gesellten sich noch mehr Mitglieder vom Cast zu uns. Die Darstellerin von Mega, der Hauptperson des Films und Buches, die sich durch das Ödland kämpfen musste, um einen Wasseraufbereiter zu finden und auf diesem Weg auch sich selbst; Hagen, der Anführer des Söldnerheers, der hinter Mega her war; Mark, der besten Freund der Heldin; Sophia, die im Keller der Universität, wo Mega aufgewachsen war, auf die Kinder aufpasst. Und noch mehr Leute, die ich nicht erkannte. Ödland lief von 17:30 Uhr bis 19:30 Uhr und gefiel mir sehr gut. Dadurch, dass Autor des Buches und Regisseur die selbe Person war, orientierte sich der Streifen sehr genau an der Vorlage. Sowas mochte ich immer. Christoph hatte die Grundstimmungen wunderbar mit der Kamera eingefangen: deprimierende Landschaften, ohne Sonnenlicht, ohne Hoffnung, zerlumpte und verzweifelte Gestalten, fehlende Reue. Dystopien gehörten zu meiner Lieblingslektüre und ich hatte zumindest den ersten Teil der Buchreihe mehrfach gelesen. Chris war ein guter Autor und, wie ich jetzt sehen konnte, ein ebenso guter Regisseur.

In den Gesichtern der Menschen um uns herum sah ich die Begeisterung genau wie in mir. Sie mochten seine Arbeit. Und auch wenn sich der eine oder andere Kritiker negativ dazu äußern würde, war auch schlechte Werbung am Ende Werbung. Als ich meinen Blick über die Menge schweifen ließ, konnte ich Jay nirgends entdecken. Übersah ich ihn? Schon möglich. Er hatte gesagt, dass er sich den Film ansehen würde – vielleicht wirklich nur aus Höflichkeit, um uns nicht vor den Kopf zu stoßen. Vielleicht hatte er auch allen Frauen so eine Visitenkarte gegeben.

Um Christoph nicht seinen großen Moment zu vermiesen, ließ ich mir nichts von diesen negativen Gedanken anmerken. Er war auch viel zu aufgeregt, um sich viel mit mir zu beschäftigen. Ich lächelte ihn mehrfach an, wenn er sich mir zuwandte. Ja, es war ein magischer Abend für ihn, seinen Film in Cannes aufgeführt zu sehen. Und niemand ging, soweit ich das von meiner Position beurteilen konnte.

Ich überlegte, ob ich noch eine sms schicken sollte, um Jay dazu zu bringen, mir zu antworten, doch mir fiel nichts ein, was „spannend“ sein könnte. Ihn fragen, ob er sich den Film angesehen hatte? Das würde so aussehen, als ob es mir nur darum, den Erfolg des Streifens ging. Und ohne mir sicher sein zu können, dass Jay wirklich Interesse an mir hatte, wollte ich nichts schreiben, das nach Flirt klang.

Christoph würde mir sicher raten, es einfach zu tun. Dass er möglicherweise darauf wartete.

Nach der Premiere fand noch eine kleine Feier statt und wir trennten uns. Ich verließ den Saal, um mir etwas essbares zu suchen. Zum Mittag hatten wir nur ein paar Häppchen gegessen, dementsprechend ausgehungert war ich jetzt. Auf dem Weg aus dem Saal fiel mir auf, wie bezaubernd die Darstellerin der Mega in ihrem cremefarbenen Kleid aussah – gar nicht mehr wie eine Heldin, eher wie eine Prinzessin mit langen roten Rastas. Mein Magen begann langsam zu schmerzen. Aber hier in Cannes verhungerte niemand. Nur ein paar Meter entfernt fand ich ein Bistro und setzte mich hinein, um einen großen Salat mit saftiger Hähnchenbrust zu essen. Danach nahm ich noch einen Crepé als Nachtisch.

Das Essen half meinem Magen und dank der Schokoladenfüllung in meinem Dessert sah die Welt wieder bunter und fröhlicher aus. Um die Zeit bis um Zehn zu überbrücken, bestellte ich mir einen Latte Macchiato und holte mein Handy aus der Tasche, um zu schauen, was bei meinen Facebookfreunden los war. Ich schickte meiner Mutter eine Nachricht, dass es mir gutging und wir hier viel Spaß hatten. Danach sah ich mir ein paar Buchrezensionen auf Youtube an und wartete darauf, ob sich einer der beiden Männer bei mir melden würde. Als das nicht passierte, schrieb ich Chris, wo wir uns treffen würden, sobald die Zeit näher rückte. Er bestätigte wenige Minuten später und teilte mir mit, mit wem er gerade sprach. Glücklich, Euphorisch. Ich wünschte, mir würde es auch so gehen.

Wie erwartet war bei der Premiere und der Feier vorher die Hölle los. Immerhin trug ich seit der Ödland-Premiere mein Abendkleid, worüber Christoph sehr froh zu sein schien. Trotzdem fühlte ich mich reichlich fehl am Platz, genau wie vorhin, weil ich keine Ahnung hatte, ob und worüber ich mit den anwesenden Leuten reden sollte. Mein Begleiter knüpfte Kontakte, wie mir schien, während ich danebenstand und meinen eigenen Gedanken nachhing. Sprach mich jemand an, sagte ich brav, dass ich nicht wirklich beim Film arbeitete und nur eine kleine Rolle bei Ödland gespielt hatte. Noch mehr lügen wollte ich nicht. Christoph besorgte mir ein Glas Orangensaft, an dem ich mich festhalten konnte. Dieses Glas war mein einziger Begleiter, als ich mich entschuldigte, um eine Runde durch den Raum zu schlendern, weil ich nicht mehr an einer Stelle stehen bleiben konnte.

Der Alkohol floss in Strömen. Und alle sahen so gut aus, besonders die Frauen. Darauf bedacht, von möglichst vielen Presseleuten abgelichtet zu werden. Filmplakate zierten die Wände, auch eines von Christophs Film. Als Moorleiche hatte ich es nicht geschafft, mit darauf abgebildet zu werden. Schade eigentlich. Ich war mir sicher, dass ich während meiner Runde an bekannten Größen der Filmindustrie vorbeiging, doch hätte ich niemanden erkannt, weil mein Fokus auf Bücher und Autoren gerichtet war.

Geistesabwesend stand ich vor Christophs Poster, so schön melancholisch mit der Darstellerin der Mega im Mittelpunkt. Umgeben von Schmutz, Gebäudeteilen und Blut. Keine Sonne. Keine Hoffnung. Genau wie in mir.

„Hi Nicky.“, sprach Jay mich von der Seite an.

„Oh, Hi. Alles klar?“

Ich musste dringend diese deprimierte Stimmung loswerden. Sie überfiel mich immer dann, wenn ich sie nicht gebrauchen konnte und dann wurde ich sie nur schwer wieder los.

„Du siehst fantastisch aus. Ich hätte dich fast nicht erkannt.“, staunte er und bedachte mich wie am Tag zuvor mit diesem Blick von oben bis unten.

Es brachte mich dazu, selbst an mir hinabzusehen. Ich strich eine Falte im Rock glatt. Es war das einzige Kleid, das ich überhaupt besaß. Gekauft hatte ich es mir, als ich von einem meiner besten Freunde zur Hochzeit eingeladen worden war und sogar seine Trauzeugin sein durfte. Die beiden Bänder, die eigentlich dazu da waren, sie um die Taille zu schnüren, hatte ich über Kreuz am Dekolleté befestigt, damit es schöner aussah. Und individueller. Mehr nach mir. Wie schon erwähnt betonte der schimmernde violette Stoff meine blutroten kurzen Haare. Er schmiegte sich wie eine zweite Haut um meine Figur. Es war ein Glücksgriff.

„Danke. Christoph hat mich gezwungen, es heute anzuziehen.“, sagte ich und verschränkte die Arme vor meiner Brust.

Auch sein Kompliment brachte mich nicht dazu, mich wohler zu fühlen. Mir fehlte meine Jeans. Und mein T-Shirt. Und mein Gehirn, das jetzt wieder in meinen Orangensaft gefallen war.

„Ich hab dich nicht bei der Ödland-Premiere gesehen. Warst du da?“

„Nein, war ich tatsächlich nicht. Ich sagte, ich würde mir den Film ansehen. Davon, dass ich zur Vorführung kommen würde, habe ich nichts gesagt.“

Okay, ein Punkt für ihn. Er hatte recht und mein Fangirl-Verstand hatte es sich so zurecht geschustert.

„Und was ist mit der Nummer auf der Visitenkarte? Es kam keine Antwort.“

Ich zog die Karte vorsichtig aus meiner kleinen Tasche, die ich mir extra für diesen Trip gekauft hatte, obwohl ich Taschen allgemein nicht mochte. Erst recht keine kleinen.

„Das ist die richtige Nummer, ehrlich. Ich hab keine Nachricht von dir bekommen.“, verteidigte er sich.

Ich starrte auf die Ziffern, als würde die Schrift irgendwann lebendig werden und mit mir reden, wenn ich sie nur lange genug fixierte. Hatte ich mich vertippt? Nein, immerhin hatte ich beim Einspeichern dreimal kontrolliert, ob alles richtig war.

„Sag mal, ist das eine null oder eine sechs da?“

Ich zeigte auf die vorletzte Zahl und hielt ihm die Karte unter die Nase.

„Das ist eine Null.“

„Verdammt. Sieht aus wie ’ne sechs.“, ereiferte ich mich.

„Zu meiner Verteidigung: Es war dunkel und ich hab schnell geschrieben, damit niemand sonst die Nummer sieht.“

Immerhin hatten wir den Fehlerteufel gefunden. Wenn ich später auf meinem Zimmer war, würde ich das sofort korrigieren.

Jay wurde angesprochen, wimmelte den Mann aber schnell ab, indem er sagte, er würde sich noch kurz mit der „Lady“ unterhalten und dann zu ihm kommen. Ich – eine Lady. Das passte vorn und hinten nicht zusammen, wenn man mich näher kannte. Aber jetzt, an diesem Abend, in diesem Kleid, konnte man es tatsächlich glauben. Als wir wieder allein waren, wandte sich Jay dem Plakat zu, vor dem ich stand. Seine Augen huschten über den Titel und die Szenerie.

„Es gefällt mir. Die Farben, das Grau.“, wisperte er, „Sehr passend, nicht?“

„Ja, find ich auch. Christoph hat das wunderbar hinbekommen. Ich bin gespannt auf Sophias Film nachher.“

„Das bin ich auch. Hoffentlich kommt er gut bei den Leuten an.“

„Da bin ich mir ziemlich sicher.“, sagte ich optimistisch.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, um was es in dem Film ging. Aber es wäre schön bescheuert, das jetzt zuzugeben.

Ganz schön groß war er, wie ich bemerkte, während er so neben mir stand. Mindestens einsachzig. Christoph hatte mir mal gesagt, dass viele Schauspieler eher klein waren, um mit weiblichen Filmpartnern auf einer Höhe zu stehen. Das machte sich besser mit der Kamera. Hätte ich doch Absatzschuhe angezogen statt der Stiefel mit den Riemchen und Nieten. Aber das waren so ziemlich die einzigen Schuhe auf diesem Planeten, die mir gefielen. Wie hoch waren die Chancen, dass Christoph eine Fußbank in seinem Auto mitgenommen hatte?

Meine Gedanken halfen mir nicht weiter, ein Thema zu finden, über das ich mit Jay reden könnte. Ich wollte nichts fragen, was jeder Journalist in einem Interview erfahren hätte. Falls er britische Literatur bevorzugen würde, könnte ich nicht mitreden. Ich wollte auch nichts fragen, das zu persönlich gewesen wäre. Was genau blieb mir noch übrig? Genau, die Flucht.

Ich wollte mich gerade verabschieden, um meinen Freund suchen zu gehen, da kam ein Fotograf mit einem riesigen Objektiv vor dem Gesicht zu uns und bat um ein Foto. Na, wenn das mal nicht die perfekte Werbung war, im Hintergrund Christophs Plakat und vorn Jay Hagson mit seinem Fangirl. Ich lächelte herzergreifend und falsch, stellte mich auf die Zehenspitzen, um etwas größer zu erscheinen. Es fühlte sich ganz anders an als bei dem Foto gestern Abend.

„Stopp!“, rief ich, als das Bild im Kasten war und ich sah, wie Christoph angelaufen kam.

Er stellte sich zu uns, reichte Jay die Hand und begrüßte ihn wie einen alten Freund. Auch davon gab es jetzt eine Aufnahme. Die noch perfektere Werbung für Ödland.

Damit verabschiedete sich Jay tatsächlich von uns und begab sich zu dem Mann, der ihn hatte sprechen wollen. Christoph sah mich lächelnd an. Der Abend war für uns beide ein Erfolg, nur dass meiner sich so falsch anfühlte wie das Lächeln, das ich gerade noch für die Kamera auf mein Gesicht gezaubert hatte. Was genau stimmte nicht mit mir?

„Ihm gefällt dein Plakat, hat er gesagt.“, verriet ich Chris.

„Ja, mir auch. Ich bin froh, dass wir uns letztendlich dafür entschieden haben. Es gab vier Entwürfe und dieser hatte die beste Atmosphäre.“

„Ich hab mich bei seiner Nummer vertippt, deswegen hat er nicht geantwortet.“

„Na sieht du. Der steht auf dich.“

„Er hat mich Lady genannt.“

Ich warf Christoph einen spöttischen Seitenblick zu.

„Darf ich die Lady Nicky dann jetzt zu ihrem Platz geleiten?“

Ich machte einen kurzen Knicks und als ich mich bei Christoph unterhakte, gingen wir zu unseren Sitzplätzen, wo ich prompt meine Tasche öffnete, um mein Handy hervorzuholen. Die Null fand ihren Weg an die Stelle der sechs. Es würde nichts bringen, wenn ich Jay jetzt schrieb, er hatte sicher nicht mal sein Smartphone dabei. Und was hätte ich auch sagen sollen, wo mir doch schon bei unseren Begegnungen nicht viel eingefallen war? Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich diese Chance nicht einfach verstreichen lassen sollte, wie Christoph schon gesagt hatte. Chance – auf was überhaupt? Ich wusste nicht, was er überhaupt von mir wollte.

Was ich an Kleidern am wenigsten mochte, war, dass man anfing zu schwitzen, wenn man die Beine übereinanderschlug, ohne eine Strumpfhose darunter gezogen zu haben. Das gleiche galt aber auch, wenn man die Beine nebeneinander stehen ließ. Erneut wünschte ich mir meine Jeans her.

Es wurde auch in den folgenden zwei Stunden nicht besser, während Sophia Coppolas Film gezeigt wurde. Ich konnte mich nicht genug auf die Leinwand konzentrieren, um die Handlung zu verstehen und was der Film mir sagen sollte. Christoph lobte neben mir die Kameraführung, die Dialoge, denen ich nicht folgen konnte, die Location und noch einiges mehr. Inzwischen wünschte ich mir, ich wäre nicht hergekommen. Es sollte die glücklichste Zeit meines Lebens sein, immerhin hatte ich mit Jay sprechen können. Ich hatte mehr als drei Fotos von ihm und mir und nun sogar seine Handynummer. Die ganze Sache hatte für mich einen bitteren Beigeschmack, den ich nicht in Worte fassen konnte.

Dieser Mann wird nie an meiner Seite sein, wurde mir bewusst. Und was war auch gut so. Würde ich die Fantasien in meinem Kopf weiterspinnen, sah ich nur Probleme auf mich zukommen. Ich sah Menschen, die mich ansprechen oder anschreiben würden, mich mit Fragen über ihn durchbohren würden. Wünsche nach Autogrammen und anderen Dingen. Ich sah eine brodelnde Gerüchteküche. Und wie oft konnte man einen berühmten Menschen ganz für sich allein haben, selbst wenn es nur um eine Freundschaft gehen würde? Ich sah Worte, die ich in unbedachten Momenten an einen dieser Presseleute weitergab – Worte, die mir im Mund herumgedreht werden würden. Und Fans, die aus Neid und Eifersucht auf mich losgingen. Meine Zukunft stellte ich mir anders vor. Ruhiger. Intimer. Einfach anders.

Zurück in die Realität fand ich erst, als die Credits bereits übers Bild liefen. Entschlossen drehte ich meinen Kopf in Chris‘ Richtung.

„Du, ich muss hier weg. Ich weiß, jetzt gibt’s noch ’ne fette After-Premieren-Party und so, aber ich geh ins Hotel Das wird mir alles gerade zu viel.“

„Oh, okay. Du findest allein zurück, oder? Wir sehen uns dann morgen beim Frühstück um dieselbe Zeit wie heute. Meine Leute werden auch dabei sein. Ich bleib auf jeden Fall noch hier.“

„Nein … Tut mir leid. Ich werd morgen früh mit dem Zug nach Hause fahren, echt jetzt. Ist doch nicht schlimm, du hast ja deinen Cast hier und alles.“

Auf meinen Entschluss reagierte Christoph mit Unverständnis und ich hatte keine Geduld, ihm zu erklären, warum ich weg wollte. Nicht jetzt. Ich versprach, ihn anzurufen und aufzuklären. Wir umarmten uns lange zum Abschied. Und damit ging ich aus dem Raum, in dem schönen einzigen Abendkleid aus meinem Kleiderschrank. Es fühlte sich gut an, endlich zu gehen.

In meinem Zimmer schaltete ich erneut den Musikkanal ein, während ich einen Großteil meiner Sachen in den Koffer zurück packte. Nur mein Schlafzeug und die Badutensilien blieben uneingeräumt. Christoph sorgte sich um mich und fragte an, ob alles in Ordnung bei mir war. Ja. Jetzt schon. Das schreib ich ihm auch.

Entspannt legte ich mich wenig später in meinen Schlafsachen aufs Bett und las ein paar Seiten, auch wenn ich mich nur wenig darauf konzentrieren konnte. Darüber schlief ich wohl ein, als ich, um meine Augen auszuruhen, meinen Kopf kurz auf meine Unterarme legte.

Ein Klopfen weckte mich. Vor dem Fenster war es noch immer dunkel. Müde und mit schmerzendem Nacken setzte ich mich aufrecht hin und sah auf meinem Handy, dass es fast halb eins war. Und noch eine Nachricht von Chris, ob ich tatsächlich nach Hause fahren würde.

Rasch zog ich mir den weißen Bademantel über, der im Badezimmer auf einem Haken hing und riss die Tür auf. Da stand ich nun im Türrahmen, barfuß im Schlafanzug, gerade noch damit beschäftigt, die Bänder des plüschigen Mantels zu schließen.

„Also, das Kleid hat mir besser gefallen. Aber nur geringfügig.“

Es war Jay. Genau das hatte ich befürchtet. Nein, genauer gesagt hatte sich der verbliebene Rest meines Fangirl-Verstandes diese Situation gewünscht – mein Gehirn war davon ausgegangen, dass es Christoph sein musste, der versuchen würde, mich umzustimmen.

„Danke.“

Mehr brachte ich nicht heraus, obwohl in mir 100 Fragen Amok liefen.

„Dein Freund hat mir die Zimmernummer gegeben. Er meinte auch, dass du morgen abreisen willst. Stimmt das?“, fragte er.

„Ja, das stimmt. Ich muss einfach weg hier, keine Ahnung.“

Darauf, mich vor Jay verantworten zu müssen, war ich nicht vorbereitet. Hatte Chris ihn hergeschickt, um mich umzustimmen? Kluger Schachzug, doch er würde nicht zum Sieg verhelfen.

„Gehst du wegen mir?“, hakte er weiter nach.

„Auch, ja. Ich versteh nicht, warum du mir die Nummer gegeben hast.“, gab ich leise zu.

Er lehnte sich an die Wand neben meiner offenen Zimmertür. Immer noch im Gang. Ich würde ihn nicht hereinbitten, für kein Geld der Welt. Wie er so dastand in seinem edlen Anzug, mit den natur-braunen, hochgegelten Haaren, den Schuhen von Armani und allem, was er war, fiel mir der Unterschied zwischen uns nur noch mehr auf. Wer hätte gedacht, dass ich jemals in Cannes, im Bademantel, im Flur dieses Hotels stehen würde – mit ihm? Und er sah so normal aus in diesem Augenblick, ein bisschen hilflos, und so menschlich wie ich.

„Es ist so“, begann er und knetete gedankenverloren seine Hände, „bisher habe ich mich hauptsächlich mit Schauspielerinnen getroffen, seit meine Karriere losging. Es hat nicht funktioniert, wie man sieht. Also wollte ich schauen, wie es wäre, mich mit jemandem zu treffen, der nicht im Geschäft tätig ist. Aber das ist auch nicht einfacher, musste ich feststellen, weil die meisten Frauen mich einfach als Schauspieler kennen und damit gewisse Erwartungen verknüpfen. Oder sie drehen völlig ab wie die Fans am roten Teppich. Als du mir gesagt hast, du wärst nicht beim Film sondern begleitest Christoph Zachariae nur, weil du zufällig Zeit hattest, dachte ich mir, ich versuche es mal. Deswegen hab ich dir die Nummer gegeben. Ich fand dich nett und witzig und wollte dich kennenlernen. Dabei weiß ich nicht mal, worüber ich mich mit dir unterhalten soll – bei den anderen war die Arbeit ein gutes Einstiegsthema, aber du scheinst gar nicht daran interessiert zu sein. Ich wusste nicht, was dich ansprechen würde.“

Das war ein sehr schöner Monolog, doch er machte mich nur noch trauriger. Um es endlich hinter mich zu bringen, setzte ich zu meinem eigenen an.

„Pass auf, Jay. Es ist echt nicht böse gemeint, aber ich hab gemerkt, dass ich das einfach nicht kann. Jetzt mal Hand aufs Herz: Ich habe Christoph angefleht, damit ich mit hierherkommen durfte, weil ich wusste, dass du hier sein würdest. Ich wollte dich einfach mal von weitem sehen, ein oder zwei Fotos machen und dann mit diesen Erinnerungen glücklich nach Hause fahren. Dass ich mich mit dir unterhalten würde, hätte ich nie gedacht. Dass du mir deine Handynummer gibst noch viel weniger. Jeder andere Mensch hätte auf dieser Welt würde sich bestimmt tierisch darüber freuen, was du mir gerade gesagt hast. Aber für mich, für mich ganz persönlich, fühlt es sich falsch an. Es ist wie in diesem Song von Elton John: Zwei Herzen, die in verschiedenen Welten leben. Ich bin mir sicher, dass ich mir irgendwann die Hand vor die Stirn klatschen werde, weil ich so blöd bin und diese Entscheidung treffe, aber jetzt und hier fühlt es sich besser an als alles, was ich in den letzten beiden Tagen erleben durfte. Ich hab einfach keine Lust darauf, dass mein Leben im Internet breitgetreten wird und man uns fotografiert, wenn wir uns treffen, um in den Park zu gehen. Ich möchte selbst entscheiden, wer mich ablichtet, wo was veröffentlicht wird. Ich möchte nicht aufpassen müssen, was ich zu den Leuten sage, mit denen ich rede, nur aus Angst, das Falsche preiszugeben.“

Dann holte ich noch einmal tief Luft.

„Und nebenbei erwähnt hatte ich auch keine Ahnung, worüber ich mich mit dir unterhalten soll.“

Mein letzter Satz brachte ihn zu einem traurigen Schmunzeln. Ob ich ihn verletzt hatte, konnte ich nicht sagen. Mir stiegen Tränen empor, die langsam meine Wangen hinabliefen. Es tat gut, waren es doch Tränen der Erleichterung, es endlich ausgesprochen zu haben.

„Sieht so aus, als würde dieser Plan auch nicht funktionieren.“, sagte er.

„Du musst wohl doch wieder Schauspielerinnen daten.“, lachte ich blinzelnd.

„Mal sehen. Danke, dass du mir das gesagt hast. Darüber kann ich eine Weile nachdenken.“

„Tut mir leid. Zuerst war ich auch total happy, aber als ich länger darüber nachgedacht habe, ist mir klar geworden, dass das nie klappen würde, egal in welcher Form. Nicht mit mir. Aber du bist echt ein total lieber Kerl.“, sagte ich, mit dem Bademantelarm über meine Wangen wischend.

„Hey, nicht weinen.“, antwortete er sanft und nahm mich in seine Arme, was dazu führte, dass ich anfing zu schluchzen, „Wir hatten doch ein paar schöne Momente hier, oder nicht? Daran können wir uns immer erinnern.“

Ich war traurig und erleichtert zugleich, als er mich wieder losließ. Auf keinen Fall wollte ich jetzt noch schwach werden.

„Ich werd jetzt schlafen gehen, mein Zug fährt halb acht.“, presste ich mit gebrochener Stimme hervor.

„In Ordnung. Dann heißt es jetzt wohl Abschied nehmen.“

Er trat noch einmal näher an mich heran und griff nach meiner Hand. Seine Lippen berührten meine Haut an den Fingerknöcheln und er sah mir tief in die Augen. Ich schluckte trocken.

„Und wo zur Hölle ist jetzt ein Fotograf, wenn man ihn mal braucht?“, rief ich in den Gang.

Wir lächelten uns an. Dann ging er. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf die Stelle seiner Jacketts starrte, wo sein Po war. Hatte ich diesen Mann gerade tatsächlich abgewiesen? Bevor der abbog, drehte er sich nochmal kurz um und ich winkte ihm zu.

Aus der Traum. Und das war auch gut so.

Eine Woche später hatte sich mein Leben wieder in seine normalen Bahnen zurückversetzt. Ich hatte eines der Bilder, die Christoph von Jay und mir gemacht hatte, auf meine Facebookseite gestellt. Viele Likes und Kommentare. Neid. Freude. Fragen. Ich beantwortete das meiste davon und war froh, dass ich diese Erinnerungen in mir hatte. Christoph teilte mir mit, dass sein Film viele gute Kritiken bekommen hatte und bald der zweite Teil gedreht werden konnte. Und dass Jay nach meiner Nummer gefragt hat, er ihm aber nur eine meiner Autoren-Visitenkarten gegeben hatte. Er fragte auch, ob ich eine Leiche aus der Fabrik am Fluss spielen wollte, aber ich lehnte dankend ab.

„Der eine kleine Ausflug in die Filmwelt hat mir gereicht.“, schrieb ich und versprach, ihm bald mitzuteilen, warum genau ich geflüchtet war.

In meinem Web.de-Postfach fand ich eine Mail von einem kryptischen Absender und dem Betreff „Sacrifice“. Ich öffnete sie. Als erstes stand dort ein Youtube-Link zu Elton Johns Lied, den ich sofort öffnete und genoss. Dazu nur ein Satz.

„Wie wär’s, wenn wir uns bei dir Zuhause treffen und kennenlernen, ganz ohne Kameras und Presse?“

Ich wechselte auf den Tab meiner Facebookseite, sah mir unser Bild an. Er hatte seine Wange an meine Stirn geschmiegt, lächelte und sah wundervoll aus. Und ich? Ich schaute in die Kamera, als wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. In Erinnerungen schwelgend schmunzelte ich.

Es gab noch einen weiteren Gedanken, der mir während der Premiere von Sophias Film gekommen war: Es würde weit weniger wehtun, ihn zu verlieren, bevor ich ihn näher kennenlernen würde. Hoffnung ist ein altes Biest.

Ich löschte die Mail.

 

 

Das war die Kurzgeschichte Cannes von Nicky Fee.

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Gesehen: Take Shelter

Take Shelter 

Buch & Regie: Jeff Nichols, Cast: Michael Shannon, Jessica Castain, Shea Whigham


Ein ruhiger Film, der in seiner Langsamkeit eine unwiderstehliche Sogwirkung entfaltet. Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm ist in jeder Einstellung spürbar. Aufziehendes Unheil scheint sich genau wie das Regenwasser langsam zu rostbraunem Brei zu verdicken und die Bewegungen der Haupfigur zu behindern, bis die Schreckensvision des tödlichen Sturms sie vollkommen gefangen hält. Es geht nur noch nach unten, in den Sturmschutzbunker, der letzten Zuflucht in einer auf den Fugen geratenen Welt und selbst dort kann die gestrandete Familie nur mit Gasmasken überleben.

Curtis (Michael Shannon), dem schweigsamen Antihelden möchte man gern glauben, dass er seine stumme Tochter Hannah (Tova Steward) liebt und sich nach der Nähe seiner zerbrechlichen Frau (Jessica Castain) sehnt, doch er bewegt sich zögernd durch sein Haus, scheint es jedes Mal neu erkunden zu müssen, wie ein Fremdkörper, als wäre er gerade aus einem Alptraum erwacht und könnte nicht mehr in der Realität zurückfinden.

Und tatsächlich sind es Curtis Alptäume, die das Unheil gebähren, es real werden lassen und ihn seiner Familie entfremden. Angefangen mit seinem Hund, der ihn im Traum angreift, den er daraufhin aus dem Haus verbannt und schließlich sogar verschenkt, bis hin zu seiner Frau, die im Traum zu einem fremden Wesen wird, zu einer seltsamen Kreatur, die er nicht mehr versteht, vor der er fortan Angst hat.

Curtis versucht sich helfen zu lassen, doch den Spezialisten kann er sich nicht leisten und der  staatliche Notdienst wechselt ständig und interessiert sich nicht für seine Probleme. Die letzte Hoffnung zerplatzt, als Curtis seinen Job verliert und er sich mit seinem Freund und Arbeitskollegen Dewart (Shea Whigham) überwirft.

Keine Hoffnung, kein Entkommen. Aus Liebe folgt Ehefrau Samatha ihrem Mann in den Wahnsinn, klettert in den Sturmschutzbunker hinab, folgt beflissen seinen Anweisungen und setzt sich und ihrer stummen Tochter die Gasmasken auf.

Take Shelter ist gleichsam intellektueller Überbau und Kommentar zur Endzeit- und Dystopiewelle. Wurde ihr bereits vor Jahren das Ende prophezeit, erfreut sie sich noch immer wachsender Beliebtheit. Das hat vorallem damit zu tun, dass die uramerikanische Angst vor dem Wegfall der Zuversicht, vor dem Verschwinden des Pioniergeistes, eine sehr reale, vielschichtige Bedrohung spiegelt, die sich, wie ein unlöschbarer Schwelbrand schleichend zur Oberfläche durchfrisst.

Auf das, was jahrzehntelang gut war und Orientierung gab, Kredite aufnehmen, unbeschwert über die Verhältnisse leben, ist plötzlich kein Verlass mehr. Doch die Erkenntnis dringt nur langsam in die Köpfe ein. Die unangenehme Wahrheit, dass man sich möglichweise in Zukunft wird einschränken müssen, dass das Credo vom endlosen Wachstum eine Lüge sein könnte, ist so fundamental und so verstörend vorallem für Amerikaner, die sich zu 100% auf diese Wahrheit verlassen haben, dass es noch lange dauern wird, bis sie den Menschen keine Angst mehr machen wird.

Take Shelter ist ein hervorragender Film. Nicht jedermanns Sache, da es keine Action gibt und man sich auf den Film einlassen muss. Ich schrecke nur deshalb davor zurück ihn ein Meisterwerk zu nennen, weil ich hoffe, dass wir von Jeff Nichols noch viele gute Filme sehen werden.

 

The Revenant

Kommt nach Birdman der nächste Hit von Alejandro González Iñárritu? Diesmal mit etwas mehr Action und weniger theatralem Gefasel? Ich mochte Birdman, aber ‚The Revenant‘ sieht mir doch ein wenig nach befreiender Gegenreaktion aus. Nicht nur der Name Tom Hardy und der atemlose Schnitt des Trailers erinnern an MAD MAX: Fury Road. Auch die Grundkonstellation scheint ähnlich zu sein. Ein Mann kämpft sich allein durch tödliche Natur und feindliche Linien. Besonders interessant finde ich: Die Schädelhügel. Hat ÖDLAND-Koch Ramsan hier Wegmarkierungen hinterlassen? 😉 Außerdem mag ich es, wenn Leo irre Schnuten zieht.

Sieht interessant aus. Ich werde ihn mir ansehen.